Unser Arbeitsmarkt verändert sich rapide. Arbeit findet nicht mehr nur an einer Produktionsstätte oder an einem festen Arbeitsplatz statt. Heute ist es möglich, von nahezu überall zu arbeiten. Diese Flexibiliserung von Arbeit betrifft alle Branchen, allen voran den Dienstleistungssektor. Eine zunehmend digitalisierte und globalisierte Arbeitswelt stellt uns als Politik vor große Herausforderungen. Viele Arbeitszeitmodelle passen nicht mehr in die Lebenswirklichkeit der Arbeitnehmer_innen. „Normalarbeitsverhältnisse“ werden immer seltener. Es gibt immer weniger Arbeitnehmer_innen, die über Jahre bei dem gleichen Arbeitgeber beschäftigt sind oder sogar nur einen Arbeitgeber haben. Solche tiefgreifenden Veränderungen brauchen politische Steuerung. Wir sind überzeugt: Die Digitalisierung muss den Menschen nützen, nicht nur der Wirtschaft.

Die gewaltigen Umbrüche unserer Arbeitswelt erfordern eine umfangreiche Sozialstaatsreform. Die Sozialgesetzgebung muss so verändert werden, dass Zeiten der Arbeitslosigkeit nicht existenzbedrohend sind und zu einer wirksamen Nachqualifizierung genutzt werden können. Hartz IV hat das Gerechtigkeitsempfinden weiter Teile der Bevölkerung verletzt und die Betroffenen stigmatisiert. Unser Ziel bleibt die Abschaffung von Hartz IV. Dafür werden wir Jusos in den kommenden zwei Jahren Forderungen erarbeiten, wie ein starker Sozialstaat ein menschenwürdiges Leben für alle sicherstellen kann.

Globalisierung bedeutet mehr Konkurrenz auf dem Weltmarkt. Dabei stehen deutsche Unternehmen mit vergleichbar hohen arbeits- und sozialrechtlichen Standards im Wettbewerb mit Unternehmen in Ländern, die keinen vergleichbaren Arbeitnehmer_Innenschutz haben. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen angemessenen Arbeitsbedingungen und der Wettbewerbsfähigkeit, das noch nicht hinreichend gelöst ist. Für uns ist klar, dass die Globalisierung nicht zur Absenkung dieser Standards führen darf.
Die saarländische Stahlindustrie ist nach wie vor einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren unseres Bundeslandes. Die vergangenen Jahre haben aber auch gezeigt, wie sehr diese Schlüsselindustrie abhängig vom Weltmarkt ist. Für uns hat der Schutz der Arbeitsplätze der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer höchste Priorität. Zu hohe Umweltauflagen dürfen nicht dazu führen, dass Stahl künftig nur noch an anderen Orten der Welt deutlich umweltschädlicher produziert wird. Deshalb wollen wir uns auf allen Ebenen, im Saarland, in Berlin und in Brüssel dafür einsetzen, dass der saarländische Stahl weiterhin wettbewerbsfähig bleibt.

Der Arbeitsmarkt hat sich aber auch im Hinblick auf die „klassischen Berufsbilder“ gewandelt. Starre Familienmodelle, in denen der Mann Vollzeit arbeitet und die Frau die Sorgearbeit übernehmen muss, wurden längst aufgebrochen. Wir wollen, dass sich insbesondere Frauen nicht für die Karriere oder für die Kinder entscheiden müssen. In der Vergangenheit endete die Entscheidung für eine familienbedingte temporäre Reduzierung der Arbeitszeit für viele Mütter in der Teilzeitfalle. Mit dem Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit hat die SPD auf Bundesebene einen ersten Schritt in die richtige Richtung getan. Dieses Recht muss jedoch allen Menschen gleichermaßen zustehen, unabhängig von der Mitarbeiter_innenzahl des Unternehmens. Deswegen fordern wir, dass auch Unternehmen mit weniger als 45 Mitarbeiter_innen in der Änderung des Teilzeit- und Befristungsgesetzes berücksichtigt werden. Trotz der signifikanten Erfolge, die die Sozialdemokratie erstritten hat, ist die Gleichstellung der Geschlechter noch lange nicht erreicht. Mehr Frauen denn je sind erwerbstätig und das Niveau ihrer Qualifikation ist im Vergleich zu dem der Männern häufig sogar höher. Aber noch immer verdienen in Deutschland und in Europa Männer mehr als Frauen, weshalb es in der Lohn- und Tarifpolitik vor allen Dingen geschlechterspezifische Entgeltungleichheiten abzubauen gilt. Dazu müssen Berufsgruppen in der Entlohnung aufgewertet werden, in denen überwiegend Frauen beschäftigt werden – etwa im sozialen Bereich oder in der Pflege. Der sogenannte Gender Pay Gap muss geschlossen und das Ehegatten-Splitting abgeschafft werden. Doch die Förderung der Erwerbstätigkeit von Frauen erfordert noch weit mehr: Frauen sollen sich nicht entscheiden müssen, ob sie erwerbstätig sein wollen, oder ob sie eine Familie gründen wollen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erfordert flexiblere Arbeitszeiten und genügend Betreuungsangebote für Kinder, auch zu Randzeiten. Wir unterstützen daher den Ausbau egalitärer Modelle, bei denen sowohl Mutter als auch Vater zeitversetzt mit reduzierter Wochenstundenzahl arbeiten und somit gleichermaßen die Betreuung der Kinder und die Hausarbeit übernehmen können. Doch auch die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf muss gewährleistet sein, denn ein Großteil der Angehörigen, die Pflegearbeit leisten, sind noch erwerbstätig. Um die häusliche Pflege zu unterstützen, muss die Anrechnung von Pflegezeiten in der Rentenversicherung verbessert werden. Außerdem muss die Weiterentwicklung finanzieller Leistungen für Pflegende vorangetrieben werden. Eine mögliche Lösung kann eine Lohnersatzleistung analog zum Elterngeld sein.

Gerechte Entlohnung darf auch nicht vom Alter abhängen: Auszubildende jeden Alters, unter 18-jährige und Praktikant_innen haben keinen Anspruch auf Mindestlohn und somit auch nicht die Möglichkeit ihr Leben selbstbestimmt und unabhängig zu gestalten. Wir dürfen junge Menschen nicht als billige Arbeitskräfte entwerten, sondern müssen ihre Arbeit angemessen wertschätzen und auch entlohnen. Wir fordern daher, dass der Mindestlohn ausnahmslos auch jungen Menschen gezahlt werden muss.

Ein selbstbestimmtes Leben können junge Menschen jedoch nur dann führen, wenn sie sich in dem Berufsfeld verwirklichen können, das sie selbst aussuchen. Im Saarland haben im vergangenen Jahr 3100 Jugendliche keine Lehrstelle gefunden. Betroffen waren vor allem Jugendliche mit Hauptschulabschluss oder mit Migrationshintergrund. Um für alle Jugendlichen die Möglichkeit einer Ausbildung zu  gewährleisten, brauchen wir eine Ausbildungsplatzgarantie. Grundvoraussetzung hierfür ist jedoch, dass überhaupt genügend Ausbildungsplätze verfügbar sind. Durch die Einführung einer Ausbildungsplatzumlage werden die Unternehmen finanziell beansprucht, die nicht oder zu wenig ausbilden. Mit dem Wandel der Arbeitswelt, verändern sich auch die Arbeitszeiten. In immer weniger Branchen ist durch die Flexibilisierung von Arbeit das klassische „nine to five“ Modell üblich. Doch auch unsere persönlichen Prioritäten haben sich gewandelt: Freizeit und Selbstbestimmung werden für die Arbeitnehmer_innen immer wichtiger. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, müssen neue Arbeitszeitmodelle gefunden werden. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in Deutschland liegt bei 34,9 Stunden. Das geht einher mit einer Produktivitätssteigerung von 27% im EU Vergleich. Eine kürzere Arbeitszeit führt also zu besserer Leistung, denn es ist bewiesen, dass mehr Arbeit kranker und nicht produktiver macht. Wir fordern daher die branchenübergreifende Einführung der 35-Stunden-Woche.

Diese steten Veränderungen der Arbeitswelt haben aber auch zur Folge, dass nicht alle Arbeitnehmer_innen mit dem Fortschritt mithalten können und manche ihre Arbeitsstelle verlieren. Ein verantwortungsvoller Sozialstaat muss Sicherheit im Wandel geben. Menschen, die über Jahrzehnte erwerbstätig waren und in die Arbeitslosigkeit rutschen, dürfen nicht von Existenzängsten bedroht sein. Dazu gehört zukünftig, dass die Lebensleistung der Menschen stärkere Berücksichtigung findet und das erarbeitete Vermögen von Hartz-IV-Empfängern_innen voll geschützt wird. Doch wir müssen auch den Menschen Chancen bieten, die schon längere Zeit von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Wer aufgrund seines Alters, von Krankheit oder mangelnder Qualifikation keine Arbeit findet, darf nicht alleine gelassen werden. Wir sind überzeugt, dass jeder Mensch einen Beitrag zu unserer Gesellschaft leisten kann und will. Es ist Aufgabe von Politik, dies zu ermöglichen. Deshalb setzen wir uns für den Ausbau des öffentlich geförderten Arbeitsmarkts ein.
Der saarländische Beschäftigungspakt ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wir fordern, dass der Aktiv-Passiv-Transfer im Saarland eingeführt wird und damit Langzeitarbeitlose wieder einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen können. Der Mindestlohn muss auch auf die Beschäftigungsverhältnisse von Langzeitarbeitslosen ausgedehnt werden. Denn die möglichen Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit sind viel tiefgreifender: Gerade die Kinder von arbeitslosen Eltern unterliegen einem hohen Risiko, im Erwachsenenalter selbst arm zu sein. Jedes fünfte Kind im Saarland lebt in Armut. Das ist ein Skandal, den wir nicht länger hinnehmen wollen. Diesen Kindern fehlt es oft an existenziellen Gütern, sie haben oft kein eigenes Zimmer, keinen Rückzugsort. Das führt zu Stigmatisierungen, sozialer Isolation und hat weitreichende Folgen für die Entwicklung des jungen Menschen.
Neben der kurzfristigen Erhöhung des Hartz-IV-Regelsatzes zur Deckung des eigentlichen Bedarfes der Kinder fordern wir mittelfristig die Einführung einer Kindergrundsicherung in Höhe von 600 Euro pro Monat pro Kind. Diese soll das bürokratische, Leistungsdickicht aus Sozialhilfe, Kindergeld, Kinderzuschlag, Kinderfreibetrag und Ehegattensplitting lichten.

Doch auch für ein würdevolles Leben im Alter muss gesorgt sein: Gerade für unsere Generation ist noch nicht sicher, wie unsere Rente finanziert werden soll. Immer mehr Rentnerinnen und Rentner leben in Altersarmut. Das Ziel unserer Politik muss es aber sein, genau das zu verhindern. Wir wollen den Mindestlohn so erhöhen, dass er nach 45 Beitragsjahren für einen Rentenanspruch oberhalb der Grundsicherung reicht. Wir wollen, dass die gesetzliche Rente wieder den Lebensstandard im Ruhestand absichert. Private Altersvorsorge darf nur eine Ergänzung sein. Deswegen brauchen wir auskömmliche Löhne zu Erwerbszeiten und den Wandel von einer Rentenversicherung hin zu einer Bürger_innenversicherung, in die nicht nur Angestellte, sondern auch Selbstständige, Beamtinnen und Beamte und Abgeordnete einzahlen müssen.

Heute erleben wir einen großen Druck auf Mieterinnen und Mieter. Gerade in den Ballungszentren wird Wohnraum zunehmend knapp. Dadurch steigen die Mieten auf eine Höhe, die sich viele Menschen nicht mehr leisten können. Ein Grund für die steigenden Mieten ist auch, dass sich das Saarland in den vergangenen Jahren weitestgehend aus der sozialen Wohnraumförderung zurückgezogen hat. Wir fordern eine Wohnraumpolitik, die mehr bezahlbaren Wohnraum schafft und die soziale Durchmischung unserer Städte fördert. Dazu braucht es höhere Investitionszuschüsse und ein effektiveres Leerstandsmanagement.